Die Moral der Bibel

Unabhängig von Authentizität und Historie werden hier biblische Geschichten auf ihren Einfluss und moralischen (Un-)Wert beleuchtet. Unterthema von Bibel, siehe auch: Geschlechterrollen: Die Frau in der Bibel

Die Geschichte der Ehebrecherin

Ich möchte erste Steine werfen

Es ist eine der bekanntesten Geschichten des neuen Testaments. Eine Ehebrecherin wird zu Jesus gebracht, damit er entscheide, ob den Geboten folgend diese Frau gesteinigt werden solle. Er antwortet: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie.

Was ist das für eine Logik? Man darf nur urteilen oder richten, wenn man selbst ohne Schuld ist? Wenn das zur Regel werden sollte, hätte es zur Folge, dass Justiz nicht mehr möglich wäre. Rechtsprechung würde jeden Sinn verlieren, da niemand mehr richten dürfte.

Ist das irgendwie anders gemeint? Bezieht es sich nur auf diesen Einzelfall? Oder ist es nur ein geschickter Schachzug Jesus', der den Pharisäern keine Angriffsfläche bieten durfte, und hier äußerst diplomatisch reagiert? Das hieße, die Geschichte hätte keine Relevanz über die konkrete Situation hinaus und wäre keinesfalls eine allgemeine moralische Handlungsanweisung.

Die Folge dieser Geschichte, mit der immer wieder gerne Gottes Gnade und Gerechtigkeit demonstriert wird, ist allerdings, dass sich bei vielen Menschen ein unbestimmtes schlechtes Gewissen einschleicht, wenn sie jemanden für etwas beschuldigen, was sie selbst schon einmal getan haben - wenn es sie nicht sogar davon abhält. Und das schlechte Gewissen gründet meistens weniger in einem Gefühl für Gerechtigkeit oder Moral, sondern in der Angst für eine nachträgliche Bestrafung für die eigene Tat - oder aber in der Angst vor einer Strafe beim nächsten Mal.

Das Gleichnis erinnert also nicht nur die Menschen daran, dass sie alle arme Sünder sind, sondern auch daran, dass sie mit ihren zukünftigen Sünden besser fahren, wenn sie bei den Sünden anderer wegsehen. Hä?? Ist das biblische Moral?

Ganz unabhängig davon, ob ich Fehler begangen habe und in der Zukunft begehen werde, möchte ich Unrecht aufdecken, mit dem Finger darauf zeigen dürfen und, wenn nötig, auch erste Steine werfen.

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