Michael Schmidt-Salomon: Wie blind sind unsere Politiker eigentlich?

oder: Grassierender Gotteswahn - Unser Bundespräsident: Mein Land ist Gottes Land

Im Gegensatz zum US-amerikanischen Präsidenten, der regelmäßig auch die nicht-religiösen Bürger seines Staates erwähnt und würdigt, fällt beim deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff diese Bevölkerungsgruppe mal kurz untern Tisch. Dass nur je ca. 30% der Deutschen der katholischen und der evangelischen Kirche angehören und die Zahl ständig weiter sinkt, interessiert nicht: Das gibt sich wieder, da wird ja heftig missioniert, dafür gibt's ja ProChrist (wo Herr Wulff momentan seinen Kuratoriumssitz ein wenig abkühlen lässt).

Dass mit dem Ende des Mittelalters die bloße Mitgliedschaft in einer Kirche nicht mehr gleichbedeutend ist mit der totalen Verinnerlichung aller ihrer sogenannten Werte, ist Herrn Wulff vermutlich auch zu differenziert. Herr Wullf liebt's klarer, Herr Wullf bittet seinen Gott Deutschland zu beschützen, seine Ansprachen enden mit “Gott schütze Deutschland.

Michael Schmidt-Salomon hat dazu einen lesenswerten Kommentar beim hpd geschrieben. Folgendes sei zitiert:

Denn Deutschland ist ein säkularer Staat. Die Werte, die diesen Staat konstituieren, entstammen weder dem Judentum, noch dem Christentum, noch dem Islam, sondern der reichen Tradition von Humanismus und Aufklärung, die Christian Wulff in seiner Rede peinlicherweise übersehen hat. Vergessen wir nicht, dass die Demokratie im antiken Griechenland erfunden wurde und nach der Machtübernahme des Christentums für ein Jahrtausend von der politischen Bühne verschwand.

Angesichts der katastrophalen Unbildung, die in der Politikerkaste offensichtlich vorherrscht, muss man hier zudem noch auf die triviale Tatsache hinweisen, dass auch die Idee der Menschenrechte nicht auf religiösem Fundament, sondern im Zuge der Amerikanischen und Französischen Revolution entstand und dabei maßgeblich von dezidierten Freigeistern wie Thomas Paine und Thomas Jefferson geprägt wurde.

Die Religionen waren summa summarum keine Motoren, sondern Bremsklötze des kulturellen Fortschritts – und sie sind es bis zum heutigen Tage geblieben!

War Immanuel Kant, der in frommen Ritualen bloß „Religionswahn und Afterdienst Gottes“ sah, ein wirklicher Christ? War der große persische Gelehrte Al-Razi, der den Koran als „befremdendes Gemenge von absurden und unzusammenhängenden Fabeln“ bezeichnete, ein gläubiger Muslim? Mitnichten! Die Mär von der angeblich bis heute positiv prägenden Kraft der Religionen bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn man sich die Mühe macht, etwas genauer hinzuschauen.

Michael Schmidt-Salomon: Wie blind sind unsere Politiker eigentlich?

Diese Mühe machen sich leider wenige, insbesondere nicht, wenn sie schon aus so viel höherer Quelle „wissen“, Herr Schmidt-Salomon. Diese Mühe werden wir ihnen machen müssen.

Aber kann es denn wirklich sein, dass die deutsche Politik fast ausschließlich von Leuten bestimmt wird, die ideologisch so verblendet oder wissenschaftlich-philosophisch so ungebildet sind, dass sie einfachste historisch-politische Zusammenhänge nicht begreifen? Will denn tatsächlich niemand einsehen, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger heute jede Form religiöser Bevormundung ablehnen? Ist es so schwer zu verstehen, dass die Mehrheit der Deutschen weder in einer christlichen noch in einer islamischen, sondern in einer offenen Gesellschaft leben möchte?!

Michael Schmidt-Salomon: Wie blind sind unsere Politiker eigentlich?

Herr Schmidt-Salomon, ich fürchte, das ist den Herren und Damen Volksvertreter wohl bewusst, bloß: Sie halten es für einen Irrweg. Für einen Irrweg, der ihre „Arbeit“ (uns zu verwalten, zu befrieden und so den Staat am Laufen zu halten) schwieriger macht.

Oder glauben sie allen Ernstes, dass eine mehrheitlich säkular denkende Wählerschaft es auf Dauer tolerieren wird, dass die Politik archaische Kulte hofiert und öffentliche Steuergelder in Milliardenhöhe für innerreligiöse Angelegenheiten verschleudert?

Michael Schmidt-Salomon: Wie blind sind unsere Politiker eigentlich?

Herr Schmidt-Salomon, ich fürchte, unsere Politiker haben guten Grund, das zu glauben. Ein Blick zurück in die jüngere deutsche Geschichte und ein Blick auf Umfragewerte bestätigt den Damen und Herren Volksvertretern, dass sie sich um den Unmut des Wahlvolkes ob der Kirchen-Unterstützung und -Einmischung keinerlei Sorgen machen müssen.

Wir dürfen es nicht länger hinnehmen, dass Politik über unsere Köpfe hinweg gemacht wird. Sorgen wir also dafür, dass Politiker an die Macht kommen, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen sind! Dass die momentane Führungsriege der politischen Parteien dazu nicht in der Lage ist, hat die an Niveaulosigkeit kaum zu überbietende Debatte um die Bundespräsidentenrede in aller Deutlichkeit gezeigt.

Michael Schmidt-Salomon: Wie blind sind unsere Politiker eigentlich?

Mündige Bürger sehen anders aus Um Politiker an die Macht zu bringen, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen sind, bräuchten wir ein Volk, das sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewusst wäre… Ehrlich gesagt sehe ich hier in weiten Kreisen entweder Desinteresse oder Resignation oder das Vertrauen auf „alte Werte“ - manchmal sogar alles zusammen.

Und wo ist die Hoffnung auf einen säkularen, humanistischen Staat? Wer verspricht sich davon eine „bessere Welt“? So wenige sind's, dass man mit Recht sagen darf: Niemand! Warum auch, ist doch weltanschaulich alles so einigermaßen in Ordnung, oder? Also, hier bei uns jedenfalls.

Solange das nicht anders, unerträglich wird, wird der Deutsche mit ca. 95% seiner Mitbürger weiter vorm Fernseher sitzen, glauben, sich Meinungen zu bilden und entrüstet sein über „die da oben“ - um sich dann wieder um sein Tagesgeschäft kümmern.

Und mal ganz ehrlich, wann war den Deutschen das letzte Mal was unerträglich? Wann sind die Deutschen massiv gegen ein System vorgegangen, dass ihnen zuwider war? Was haben die Deutschen effektiv abgewendet? Das war die Weimarer Republik, der erste Versuch von Demokratie auf deutschem Boden!

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