Kinderkarneval - ein begründeter Anfangsverdacht
Mein Montagsthema hat sich mir am vergangenen Wochenende aus aktuellem Anlass sozusagen aufgedrängt. Wir haben unsere sechsjährige Tocher zu einem Auftritt ihrer Kindertanz-Gruppe gebracht. Ich wusste sehr wenig über diesen Auftritt, nur dass er auf einem Dorf stattfinden sollte, dessen Namen ich noch nicht gehört hatte, in einem Festzelt. Ich bin also ziemlich ahnungslos hingefahren. Misstrauischer wäre ich schon gewesen, hätte ich gewusst, dass es sich um eine Karnevals-Veranstaltung handelte, genauer gesagt, um den Kinderkarneval des dortigen Karnevalsvereins. Beim Anblick der ersten Narrenkappen und beim ersten Humtata konnte ich meinen Instinkt, schreiend rauszulaufen, nur mühsam unterdrücken.
Das Zelt war bereits gut gefüllt, die rotbenaste und deftig-launige Dorfgemeinde saß auf langen Bänken, im Takt klatschend und Berliner essend (Pfannkuchen oder Krapfen oder wie auch immer sie hier heißen mögen - wir sind Zugezogene und erst seit dreieinhalb Jahren in der Gegend). In einer Ecke des Zeltes trafen wir den Rest der Tanzgruppe. Hier konnten sich die Kinder umziehen und auf ihren Auftritt warten.
Um 15:11 Uhr begann die Prunksitzung der kleinen Jecken. Der jugendliche Sitzungspräsident hätte aus dem Telefonbuch wahrscheinlich mit mehr Leidenschaft vorgetragen und das Prinzenpaar wirkte komplett ferngesteuert. Dann kamen die Darbietungen der einzelnen Kindergarten- und Schulgruppen und hier schlug meine Fremdscham in Ärger um. Eine Gruppe vier- bis fünfjähriger Mädchen in glitzernden Miniröckchen und mit geschminkten Lippen und Augen kam auf die Bühne, um mit den Popos zu wackeln und sich lasziv über den Boden zu rollen. Manche bekommen das schon recht überzeugend hin und mich irritieren diese abgeschauten, antrainierten, aber völlig unverstandenen Bewegungen und Posen, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Ich frage mich unwillkürlich, wie viele Menschen mit pädophilen Neigungen in diesem Zelt sitzen und bei wie vielen die Phantasie durch solche Darbietungen angeregt wird.
Wenn man nach “Sexualisierung von Kindern” sucht, stößt man zunächst auf eine andere Debatte. Hier äußern sich hauptsächlich religiös motivierte Menschen besorgt über Aufklärungs-Initiativen der Bundesregierung. Darum geht es mir hier nicht. Kinder sind bereits sexuelle Wesen und sobald sie sich für das Thema interessieren, darf Sexualität nicht mit einem Tabu belegt werden. Und dass Kinder - insbesondere Mädchen - ab elf oder zwölf beginnen, ihre eigene Sexualität zu entdecken, sich dabei an Vorbildern aus dem Showbiz orientieren, und sicherlich beim Ausprobieren auch über das Ziel hinausschießen, gehört zur Pubertät dazu. Umso besser, wenn sie dann schon möglichst gut Bescheid wissen - über Verhütung und darüber, was selbstbestimmte Sexualität bedeutet.
Da darf der Rock dann auch mini sein, das Shirt bauchfrei, denn Selbstverständnis und Wirkung müssen ausprobiert werden. Unangemessen fand ich hingegen die Jeans, die eine Bekannte uns second hand vermachte, und deren Schnitt bei unser damals dreijährigen Tochter weibliche Rundungen suggerierte, die sie noch lange Zeit nicht haben würde. Dass wir den Mädchen mit drei, vier oder fünf Jahren bereits dieses Role model nahelegen, sie verkleiden, schminken und uns über entsprechende Posen freuen, das geht mir zu weit. Es zeigt nicht, dass mit den Kindern etwas nicht stimmt, sondern, dass unser Blick sich verändert hat. Manche wollen nur vermeintlich süße Bilder ihrer Kinder verschicken, andere verstehen Sexy-Sein als Synonym für Attraktivität und und gemocht-werden und wieder andere versuchen vielleicht, (ihre eigene?) Sexualität zu verniedlichen, zu verkindlichen.
Die Gruppe meiner Tochter erschien kurz danach auf der Bühne in kindgerechten Phantasiekostümen, was mich vordergründig wieder beruhigte, aber das Thema wird uns sicher noch beschäftigen.





